IMG_2367„Patagonien fast 3 Monate?“, schaut mich mein Gegenüber fragend an, „was machst du denn dort“…“klettern“, so meine Antwort. Nachdem wir im Februar 2013 viele lange Touren im argentinischen Patagonien klettern konnten, war meine Motivation groß wieder in diese wilde Kulisse aus Granittürmen zurück zu kehren.

Und so stehe ich neun Monate später schon wieder in el Chaltén, dem Ausgangsdorf für Klettereien rund um Fitz Roy und Cerro Torre. Unglaublich, dass ich tatsächlich so schnell wieder herkommen konnte. Ich habe große Träume und Pläne, bin voll optimistisch. Doch schnell werde ich mit der Wirklichkeit konfrontiert: Kletterer, die hier schon seit mehreren Wochen sind, aber fast nur schlechtes Wetter hatten und nichts großes klettern konnten. Doch ich bin weiterhin überzeugt, dass ich meine großen Pläne verwirklichen kann.

Nach einigen Tagen gibt es dann einen Tag mit etwas weniger Wind und so laufe ich gemeinsam mit meiner Kletterpartnerin Yvonne Koch in das Torre Valley um am darauf folgenden Tag die voie des Bénitiers am Mocho zu klettern. Dabei haben wir immer wieder mit ziemlich starken Windböen zu kämpfen, doch wir können diese schöne Granittour trotzdem zu Ende klettern. Es macht sich ein gewisser Kräftemangel bemerkbar, als Nachwehen unserer Abschlussexpedition des Expedkaders, die nur einen Monat zurückliegt, aber trotzdem sind wir glücklich und zufrieden nach unserer ersten Tour.

Und dann heißt es warten auf gutes Wetter…

Leider nicht sehr erfolgreich, dann endlich vor Weihnachten zeigt uns der Wetterbericht 2 Tage mit weniger Wind, sodass wir ein Versuch in die Berge starten. Unser Ziel: Supercanaleta am Fitz Roy.

Als wir nach einer Nacht Biwak in Niponinos dort ankommen, sehen wir schon von weitem einige Menschen auf dem Gletscher, was uns wundert. Wir nähern uns Ihnen und treffen auf einen Freund, der uns direkt den Grund für die Ansammlung hier gibt:“We had an accident“. Seine Worte lassen uns kurz zusammen zucken, denn es sind zwei Bekannte von uns, die abgestürzt sind und nun verletzt in ihrem Zelt liegen. Drei andere Seilschaften sind am Unfallort und haben die Erstversorgung unter Kontrolle. Für uns ist sofort klar, dass wir nun helfen und nicht in unsere Tour einsteigen werden, darüber brauchen wir gar nicht mehr reden.
Wir sind weit weg von el Chaltén und die Aussichten auf eine Helikopterrettung gering. Die Rettung ist vom Dorf aus schon im Gange, über Satellitentelefon eingeleitet und wir warten auf Anweisungen und Unterstützung um die zwei Verletzten zurück zu bringen. Die ersten Retter aus dem Dorf sind schneller da, als gedacht und bringen Plastikschlitten mit, auf denen wir die Verletzten auf dem Gletscher ziemlich schnell transportieren können. Eine große Rettungsaktion ist nun im Gange, immer mehr freiwillige Helfer laufen von el Chalten los um an verschiedenen Punkten dazu zu stoßen. Mit den Schlitten sind wir schnell unterwegs, bis wir dann an das erste Hinderniss gelangen: paso del cuadrado. Dort sind nun große Seilaufbauten nötig um die Steigung zu überwinden und zusätzlich wird das Gelände steinig, was die Rettung erschwert. Es ist beeindruckend, wie gut die Rettung verläuft und wie viele Menschen mit anpacken. Am Ende sind es um die 60 Personen, die ihre Kräfte zur Verfügung stellen, sodass wir ca. 30h später alle wieder in el Chalten sind, von wo die Verletzten nach kurzer Untersuchung direkt weiter in das nächst größere Krankenhaus in Calafate transportiert werden.

Wir sind nun auch schon über 24h wach und legen uns kurz schlafen, während in el Chalten die Sonne aufgeht und ein neuer Tag beginnt.

Dann geht die Organisation weiter und eiinen Tag später sind wir dann mit den wichtigsten Habseligkeiten im Krankenhaus in Calafate. Es wird schnell klar, dass hier Hilfe nötig ist, denn ohne Unterstützung werden die Patienten nicht voll versorgt: So müssen wir zum Beispiel Getränke kaufen, denn diese werden nicht gestellt. Zudem werden unsere Sprachkenntnisse sehr wichtig für die Kommunikation, denn kaum jemand des Personals spricht Englisch. Wir verbringen also die nächsten Tage im Krankenhaus und arbeiten an unseren Krankenschwester Fähigkeiten und nehmen gleichzeitig die Rolle des Übersetzers ein, bis am 24. Dezember dann der Heimflug organisiert ist. Es ist eine sehr große Erfahrung und ich versuche so viel wie möglich zu helfen, aufzumuntern und für die Verletzten da zu sein. Dabei schaffen wir es sogar eine fröhliche Atmosphäre zu schaffen, in der wir viel lachen und somit die Wartezeit auf den Heimflug angenehmer gestalten.

 

Nachdem meine Hilfe nun nicht mehr benötigt wird, fahre ich nach el Chaltén zurück, wo das Wetter weiterhin schlecht ist.

Am 24. Dezember sagt uns der Wetterbericht in den frühen Morgenstunden etwas weniger Wind voraus. Zum Klettern immer noch zu viel, aber laufen sollte möglich sein. So stehen wir mitten in der Nacht auf um den Cerro Electrico zu erklimmen. Ein Gipfel am Anfang des Tal des rio electrico, an dem ich auf meinen Zustiegen schon oft vorbei gelaufen bin, ihm aber bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt habe. Denn neben den impressionanten Felsnadeln hier, ist er doch uninteressant. Es handelt sich um eine einfache Hochtour, an die in der letzten Saison niemand gedacht hätte. Überhaupt ist man letzte Saison nicht bei einer solchen Wettervorhersage los gezogen, denn es gab so viel gutes Kletterwetter. Dieses Jahr ist das Wetter aber wieder wirklich patagonisch schlecht und so freuen wir uns schon darüber auf dem Gipfel des Cerro Electrico zu stehen und die Aussicht auf das Fitzroy massiv zu genießen. Der Wind ist tatsächlich so stark, dass wir uns teilweise beim Laufen bücken müssen um nicht umgeweht zu werden. Wir freuen uns wieder einmal in die Berge rausgekommen zu sein und feiern abends ein fröhliches Weihnachtsfest. Ich werde von meinen argentinischen Freunden voll integriert, wodurch Weihnachten für mich in sehr guter Erinnerung bleibt. Genau diese argentinische Offenheit und Herzlichkeit ist ein Grund, warum es mich hier immer wieder herzieht. Ich fühle mich wohl und willkommen, fern vom Alltagsstress.

Zum Abschluss meiner Zeit können wir am 2.2.2014 noch auf die Guillaumet klettern. Nachdem es zuvor viel und bis relativ tief geschneit hat, herrschen nun winterliche Bedingungen. Sodass wir sogar zwischenzeitlich daran gedacht haben die Ski auszupacken.

Nachdem das alljährliche Neujahrsfenster dieses Jahr auch nicht wirklich vorhanden ist und es nur kurz weniger Wind gibt, beschließen wir an der Guillaumet eine Eistour zu klettern, denn an Felsklettern ist bei solchen Temperaturen nicht zu denken. Ich laufe gemeinsam mit meinen argentinuschen Freunden Iñaki Coussirat und Carlos Molina abends als es dunkel wird los. Wir machen kurz halt in Piedras negras um uns etwas zu kochen, denn es herrschen eisige Temperaturen (wir sind erstaunt, dass auch hier schon Schnee liegt) und stehen dann bei Sonnenaufgang auf dem col der Guillaumet. Von hier an ist dann spuren im knietiefen Schnee angesagt. Wir wollen eigentlich die Begger-Jeggings klettern, doch im Einstieg ist kaum Eis wesshalb wir weiter rechts einsteigen. Am logischsten scheint uns die erste Seillänge über eine Verschneidung, die sich aber als schwer herausstellt, wesshalb ich es etwas weiter rechts versuche. Hier ist etwas Eis gewachsen, allerdings nur eine ganz dünne Schicht, die zudem an vielen Stellen nicht mit dem Fels verbunden ist. Ich zögere zunächst, denn ich habe Angst, dass das Eis mich nicht trägt. Aber immerhin versuchen will ich es, ich nehme allen meinen Mut zusammen und schlage meinen Pickel vorsichtig in die dünne Schicht vor mir, es hält. Also nächster Pickel, hält auch, aber das Geräusch ist hohl und furchteinflößend. Ganz langsam und vorsichtig arbeite ich mich Zentimeter um Zentimeter höher, unter meinen Füßen bricht mir mehrfach das Eis weg. Absichern kann ich nicht, ich weiß genau, dass ich jetzt nicht fallen darf und hundertprozentige Konzentration gefordert ist. Mehrfach geht mein Puls hoch, wenn mir unter den Füßen Eis wegbricht. Dann halte ich kurz inne und bringe meine Atmung wieder unter Kontrolle. Die Jungs halten beim Sichern die Luft an und verfolgen jede meiner Bewegungen. Nach einigen Metern gelange ich auf eine etwas flachere Rampe doch es ist nicht wie erhofft das Ende der Schwierigekeit. Ich muss noch einige delikate Meter klettern bevor ich eine schlechte Sicherung legen kann und dann wieder einige Meter bis ich einen Stand bauen kann. Die Jungs kommen schnell nach und obwohl wir extrem viel Zeit in der ersten Seillänge verloren haben, beschließen wir weiter zu klettern, denn das Gelände wird nun etwas leichter. Wir klettern noch zwei Seillängen, bevor wir dann auf den Mittelteil der Begger-Jeggings kommen, den wir am laufenden Seil meistern können. Danach klettern wir dann gerade mitten durch den Felsaufschwung weiter. Wir treffen auf steiles Felsgelände mit wenig Eis, mehrfach scheint es so, dass wir nicht mehr weiterkommen, doch Carlitos arbeitet sich immer weiter hoch und meistert einige schwierige Mixedpassagen.
Während wir Klettern ist es extrem kalt, alle Schraubkarabiner frieren sofort zu, unsere Jacken sind hartgefroren und sobald wir die Finger zum Wärmen in die Handflächen ziehen, frieren die Handschuhe so hart, dass es zur Herausforderung wird die Pickel zu halten. Zudem ist uns trotz klettern mit Daunenjacke kalt, Inaki spürt schon seit heute früh seine Füße nicht richtig und unser Wasser ist gefroren.

Mit den letzten Sonnenstrahlen stehen wir dann nach einer anstrengenden Kletterei auf dem einsamen und windstillen Gipfel der Guillaumet. Der Wahnsinn!

Die Jungs kennen die Abseilstände gut, sodass wir schnell wieder unten sind und dann noch mit Licht in Piedras Negras Schuhe wechseln und uns dann auf den Heimweg machen. Erschöpft, aber mit einemguten Gefühl.

Wieder zurück fühlen sich die Fingerkuppen wie verbrannt an, von der Kälte und es dauert zwei Tage bis das normale Gefühl wieder da ist. Es scheint so, dass wir eine neue Variante erstbegangen haben.

Auch einige andere unserer Freunde waren erfolgreich unterwegs und konnten Erstbegehungen machen, sodass wir alle gemeinsam feiern und kiloweise Superdomo Eis verspeisen.

Eine Woche später ist meine Zeit in el Chalten dann leider schon wieder rum und es fällt mir schwer mich zu verabschieden, ist der Ort doch schon zu einer Heimat für mich geworden.

 

Aber viel Zeit zum trauern bleibt nicht, denn es geht direkt weiter nach Chile zum Risse klettern: Aus dem tropischen Regenwald ragen hier bis zu 1000m hohe Granitwände, an denen wir einige Touren wiederholen können. Anschließend beginnen wir mit Erkundungstouren um unsere eigene Linie zu finden, die wir erstbegehen wollen. Doch bevor wir anfangen können, regnet es zunächst vier Tage lang und die Wände verwandeln sich schnell in Wasserfälle! Wir nutzen die Zeit um Material in unser Biwak hochzutragen.
Dann endlich hört der Regen auf und wir können uns und unser Material trocknen und dann mit unserem Abenteuer beginnen. Zu viert machen wir uns als internationales Team (Elise Maillot, Laure Batoz (beide F), Cooper Varney (USA), Caroline North (D)) auf den Weg in die Wand. Schnell merken wir, dass hier viel gärtnern und putzen angesagt ist und wir deswegen nur langsam voran kommen: Als wir am ersten Tag zu unserem Biwack zurück kehren, haben wir uns nur eineinhalb Seillängen hochgearbeitet und das mit Hilfe von Hacken und Säge.

Nach drei Tagen und acht Seillängen stehen wir dann aber tatsächlich auf dem Gipfel. Glücklich, aber wohl wissend, dass ein großer Teil Arbeit noch vor uns liegt. Denn jetzt heißt es putzen, putzen, putzen: Um die Linie Kletterbar zu hinterlassen brauchen wir noch einmal drei Tage bewaffnet mit Hacken, Säge und Bürsten und verbunden mit viel jümarn, haulen und einem Biwack auf dem Gipfel. Die letzten fünf Seillängen klettern wir dabei schon frei und stufen sie zwischen 6a und 6c ein. Aber spannend bleiben die ersten drei Seillängen, die von zwei Rissdächern charakterisiert werden. Doch der tropische Regen kommt wieder, sodass wir nicht mehr die Möglichkeit haben sie zu probieren.

Entstanden ist Todo cambia, eine 8 Seillängen Tour, die wir komplett von unten begangen haben, mit so wenig bolts wie möglich (5 Stück und nur an Standplätzen) und super Risskletterei.

Der Name beschreibt die Veränderung, die unsere Tour durchlief: Sah man Anfang viel grün in der Wand, so blitzen dort nun saubere Risse hervor und warten darauf geklettert zu werden.
Ermöglicht wurde unser Erstbegehungsabenteur unter anderem durch die DAV Expeditionsförderung und La Tente association. Zusätzlich haben uns Mammut, Katadyn, Scarpa und blueice mit Material unterstützt: Danke, Merci, Gracias!