Onsighting Astroman

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Ich bin im Mammut Headquarter in Seon und bekomme plötzlich die Frage gestellt, ob ich in 10 Tagen eine Woche Zeit hätte und ob ich schon die Nose geklettert sei. Den Zusammenhang verstehe ich zunächst nicht, denn die Nose ist doch im Yosemite, was verdammt weit weg ist. Aber es ist wirklich genau diese Tour, die gemeint ist….und zehn Tage später sitze ich schon gemeinsam mit meinem Mammutteamkollegen Stephan Siegrist im Flugzeug von Zürich nach San Francisco. Ich kann es kaum glauben. Die Organisation war sehr schnell und spontan und ich bin gespannt auf meine erste Reise nach Nordamerika.

Vom Flughafen geht es dann direkt in das Yosemite Valley, wo Whit Magro aus dem Mammut Team USA und Jason Thompson, der Fotograf auf uns warten. Unser Projekt ist gross und wir sind extrem motiviert, sodass wir am nächsten Morgen direkt unser ganzes Material zusammen packen. Doch eigentlich ist die Wettervorhersage für die nächsten Tage nicht so gut wie eigentlich erwartet, was bedeutet wir müssen noch etwas warten bevor wir starten. Die Zeit nutzen wir um Riss-einseillängen Routen zu klettern, wenn es das Wetter zulässt. Leider verschlechtert sich dieses immer mehr und wir haben mit viel Regen zu kämpfen. Langsam schwinden die Hoffnungen, dass wir unser Filmprojekt realisieren können, leider! Das führt dazu, dass wir viel Zeit mit den Parkrangern verbringen, um unser Filmpermit zu verschieben. Viel Bürokratie.

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©Jason Thompson

Aber dann haben wir wenigstens einen Tag stabiles Wetter, sodass wir uns an einer längeren Route versuchen können. Auf Empfehlung von unserem Local entscheiden wir uns für Astroman, einem Yosemite Klassiker an der Washington Column.

Die ersten Seillängen sehen nach perfekten Rissen aus und so bin ich motiviert gleich mit dem Vorsteigen anzufangen. Da wir zu dritt sind ist unser Plan jeweils nach drei Seillängen den Vorstieg zu wechseln.

Ich muss gegen dicke Arme kämpfen, kann aber dennoch die ersten drei Seillängen onsight klettern. Genial! Die Jungs sind beeindruckt und motivieren mich zu einem Onsight-Versuch der kompletten Tour. So bleibe ich am scharfen Ende des Seils, ich der „Rookie“ im Team, gefolgt von zwei starken Kletterern, die mich anfeuern. Der Wahnsinn! Nie hätte ich gedacht, dass mir das einmal passiert!

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Die nächste Seillänge ist der berüchtigte Harding Slot, bei dem ich meinen Helm abziehen muss um durch diesen engen Schlund zu passen. Aber das schwerste ist dort hinein zu kommen: Meine Füsse rutschen auf der glatten Wand und ich presse mit aller Kraft dagegen um nicht zu fallen. Dann endlich stecke ich in dem Schlund. Jetzt heisst es Material vom Gurt abhängen und mich langsam nach oben zwängen, was alle Muskeln meines Körpers beansprucht. Am nächsten Stand komme ich ziemlich platt, aber glücklich an.

Leider habe ich nicht viel Pause, denn Whit ist schnell bei mir und es geht schon weiter. Auch die nächste Seillänge fordert mich: Mehrfach muss ich ansetzen um über ein kleines Dach zu kommen, was mich fast das Gleichgewicht verlieren lässt. Am Stand bin ich vollkommen ausgepowert, meine Hoffnungen auf einen kompletten Onsight der Tour schwinden. Zudem soll auch die nächste Seillänge noch schwer sein. Doch zunächst werden wir gezwungen einen Moment Pause einzulegen, da hier die letzte Abseilmöglichkeit ist und sich gerade bedrohlich der Regen nähert. Ich bange, denn ich möchte diese super Tour auf jeden Fall weiter klettern, jetzt da ich mich schon soweit gekämpft habe.

Die Pause tut mir gut, nach einem Energieriegel und etwas Wasser fühle ich mich direkt besser und zu meinem Glück dreht auch der Regen ab. Also weiter geht es, volle Konzentration für die letzten richtig schweren Züge: Zunächst ein paar Boulderzüge an kleinen Griffen, dann ein komischer schmaler Riss, von dem ich mich über eine Kante auf eine Platte schieben muss und dann ein Risssystem weiter bis zum Stand. Nicht leicht, aber es gelingt – Juhuu!

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Dann noch eine Länge mit breitem Riss bevor ich nochmal all meinen Mut zusammen nehmen muss um die anspruchsvolle Platte der letzten Seillänge zu meistern. Sie ist nicht nur trickreich, sondern noch dazu nur spärlich abzusichern. Ich schaffe es tatsächlich einen kühlen Kopf zu bewahren und ohne Sturz bis oben auszusteigen. Dort kann ich es kaum glauben: Ich habe Astroman, einen berüchtigten Valley Klassiker geonsightet! Und noch dazu als meine erste Valley Tour. Dabei sagen doch immer alle, dass man als Europäer hier zunächst nichts klettern kann. Ich bin überglücklich, dass ich solch eine Tour im Königsstil klettern konnte. Danke an die zwei anderen, dass sie mir dies ermöglicht haben, mich überhaupt erst auf die Idee gebracht haben.

Valley

Nach einer Woche fliegen wir ohne unser grosses Projekt wieder nach Hause, doch trotzdem glücklich mit einem anderen Erfolg.

Die Realisierung des grossen Projekts, die Nose mit 360° Kameras zu filmen, gelingt uns dann einige Wochen später in einer spannenden und anstrengenden 2,5 Tage Aktion.