Iran Freewallexpedition

12-08 iran freewallexpedition orginal 43

Gefährlich, Atomkrieg, Terrorismus…dies bekam ich zu hören, als ich meinen Plan von einer Kletterexpedition in den Iran schilderte. Die Meisten schüttelten nur den Kopf und rieten mir ab…aber warum? Eigentlich haben wir doch kaum Informationen über den Iran und unser Bild wird nur durch die Medien geprägt…und so kam es, dass ich mir selbst ein Bild von diesem Land in Fernost machen wollte!

 

Im Februar fange ich an, mich um mein Visum zu kümmern – keine einfache Angelegenheit, wie sich schnell herausstellt! Es bleibt spannend bis zuletzt, denn erst eine Woche vor meinem Abflug halte ich das Visum in der Hand. – Jetzt kann es losgehen: Am 17.Juli fliege ich über Dubai nach Teheran, wo das Abenteuer beginnt: Ab hier muss ich ein Kopftuch tragen, da der Iran eine islamische Republik ist. Dies macht schlagartig klar, dass ich hier eine andere Welt betrete…

 

Die ersten Schwierigkeiten dann am Zoll beim Durchleuchten des Gepäcks: Viel zu viel Metall, ich muss die Tasche öffnen und der Zöllner zieht direkt den 4er Camalot raus (natürlich gleich den größten, den ich dabei habe, aber vielleicht immer noch besser als die Tüte mit den über 40 Mammut Haken!). Ich versuche auf Englisch zu erklären. Erfolglos! Nur verdutzte Gesichter, ich weiß auch nicht weiter, habe aber großes Glück: Neben mir beginnt ein Iraner böse mit dem Zöllner zu streiten. Mein Gepäck wird uninteressant und ich darf gehen.

 

In Teheran treffe ich meine Kletterpartnerin Nasim Eshqi, mit der ich auch schon in Armenien letztes Jahr einige Routen erstbegangen habe und ab jetzt sind wir für die nächsten 5 Wochen nur noch im Doppelpack unterwegs.

 

Am selben Tag machen wir uns auf den Weg nach Mashad: Über 12h Busfahrt in halsbrecherischen Tempo in den Nordwesten des Irans.  Dort warten Täler voller Felsen auf uns. Als wir das sehen fangen die Finger an zu kribbeln und die Motivation steigt. Aber es ist noch Geduld gefragt, denn am Freitag müssen wir bis zum Abend warten um unser Basislager aufzubauen, denn es ist Feiertag im Iran und zu viel Menschen in dem Tal. Doch bei Dunkelheit stehen wir dann vor dem nächsten Problem: Keiner der Eseltreiber möchte mehr in das Tal laufen, da es „Gins-Valley“ (Korangeister-Tal) genannt wird und sie sich alle davor fürchten. Letztendlich bekommen wir zwei Esel, die wir dann selber  durch die Nacht bergantreiben.

 

 

Am nächsten Morgen beginnen wir mit unserer ersten Erstbegehung. Wir haben uns in der ca. 300m hohen Wand eine Risslinie ausgesucht, die sich ziemlich weit hochzuziehen scheint. In den ersten zwei Seillängen ist volle Aufmerksamkeit gefordert, denn sie sind ziemlich brüchig. Während der Vorsteiger sich der Herausforderung der Wegfindung stellt, hat der Nachsteiger mit einem extrem schweren Rucksack zu kämpfen, in dem sich die Bohrmaschine befindet. Netterweise haben wir die Bohrmaschine von den Kletterern aus Mashad bekommen, leider ein sehr schweres Modell. Während wir unsere Routen mit Camalots und Keilen erstbegehen, müssen wir Stände bohren um anschließend wieder abseilen zu können.  Langsam schaffen wir uns Seillänge um Seillänge höher. Der Fels wird etwas besser und wir stoßen auf eine schöne Rissverschneidung, die sich allerdings als schwerer, als auf den ersten Blick gedacht herausstellt und stellenweise nicht absicherbar ist, wesshalb wir zwei Zwischenhaken setzen.  Danach dann die große Überraschung: Akku leer! So ein Mist! Das heißt für heute Ende und runter. Angeblich reicht der Akku normalerweise für 20 Löcher…wir haben 10 geschafft und schaffen auch die nächsten Tage nie mehr!

 

 

Insgesamt verbringen wir eine Woche dort in unserem Basislager direkt unterhalb der Wand und können vier neue Routen erstbegehen. Die längste führt uns in 7 Seillängen zum Gipfel. Aber auch dies nicht ohne technische Probleme. Diesmal ist der Akku schon nach 4 Haken leer… wie sich später herausstellt,  war er wohl nicht ganz geladen, denn zu viele Menschen haben sich um das Ladegerät gekümmert und so gab es Verwechslungen.  Ein alltägliches Problem, dass aber ungeahnte Folgen haben kann: Denn wir befinden uns in einer ziemlich plattigen Zone und ich sichere Nasim an einem großen Felsen nach, der uns zum Abseilen nicht ganz geheuer ist. Nach 20m queren kann Nasim einen Keil und 2 Cams in einen Riss stecken und ist damit einigermaßen zufrieden. Ein Cam liegt ganz gut,  aber die anderen eher schlecht als recht. Aber es ist unsere einzige Möglichkeit hier abzuseilen…also los! Dabei sind wir beide ziemlich angespannt und das Herz schlägt höher. Die große Erleichterung, als wir unseren Bohrhaken eine Seillänge tiefer erreichen. Nach einem Pausentag mit Canoning können wir diese Tour fertig klettern, wobei uns ein halbüberhängender Riss nochmals vor eine Herausforderung stellt – nicht so einfach und vor allem extrem scharf. Davon zeugen dann anschließend meine Hände. Beim Abseilen versehen wir dann alle Stände mit einem zweiten Bohrhaken. Wir bewerten die schwerste Seillänge mit 7a+. Des Weiteren können wir noch vier Routen mit je einer Seillänge erstbegehen (zwei davon in einem anderen Tal). Teilweise auch mit großer Furcht, da der Fels zwischendrin mal ganz schön lose ist!

 

Von Mashad fahren wir wieder nach Teheran, wo es dann von neuem packen, Sponsoren besuchen und einkaufen heißt damit wir dann an den Alamkuh können! Schnell habe ich gemerkt, dass hier das Leben ganz anders ist. Dadurch, dass der Iran eine islamische Republik ist, gibt es viele Verbote und Regeln. So müssen Frauen auf der Straße Kopftuch und Manteau tragen, auch ich. Für viele ist es lästig und das Kopftuch wird eher locker getragen, was allerdings wiederum gefährlich ist, da es eine Sittenpolizei gibt, die Mädchen fängt die sich nicht richtig anziehe. Dieser sollte man wirklich nicht begegnen.  Zum Glück besteht diese Gefahr aber nicht in den Bergen, sondern nur in den Städten. In den Bergen ist sowieso alles lockerer, da dort die Polizisten nicht hinkommen.

 

Im Iran wohnen meist alle Familienmitglieder zusammen bis zur Heirat und eine Frau kann keine Männer mit nach Hause bringen und umgekehrt. Wenn wir also alle gemeinsam nach dem Klettern noch beisammen sitzen wollen, so ist das komplizierter. Die einzige Möglichkeit besteht darin sich bei den jungen Leuten zu treffen, die es sich tatsächlich leisten können alleine zu wohnen. Das heißt, dort ist dann Abends immer Party und viel los!

 

 

Der Alamkuh ist mit 4848m zweithöchster Berg Persiens und hat eine steile Nordwand, die unser Ziel darstellt. Durch ständigen Steinschlag und losen Schotter, der die letzte Seillänge darstellt, ist die Wand ziemlich gefährlich. Auch ist sie weit abgelegen und Rettungsmöglichkeiten sehr begrenzt.

 

 

Wir verlassen also erneut den Smog Teherans in Richtung Berge. Vier Stunden geht es kurvig durch Täler bis wir die Rudbarak erreichen, den Ausgangspunkt zum Basislager das Alamkuh. Nachdem hier die letzten Probleme mit langen Diskussionen und Telefonaten, von denen ich nichts verstehe,  gelöst sind, können wir am nächsten Morgen loslaufen ins Basislager auf 4100m. Dabei bin ich froh, dass ich zuvor eine Woche fast durchgehend auf 4000m in den Alpen unterwegs war, denn die Anderen leiden ganz schön beim Aufstieg.

 

 

Die ersten Tage dienen dann uns zu Akklimatisieren und unser Material an den Wandfuß zu schaffen, den man über einen großen Bergschrund und dann über steile Platten, Geröll und Schnee erreicht. Dazu gibt es Fixseile: Plastikseile an denen gejümart wird. Hier hilft nur hoffen, dass es hält!

 

 

Dann endlich unser erster Wandtag: Um zwei Uhr aufstehen und gegen 5.30 Uhr sind wir am Wandfuß, wobei es nicht einfach ist den Einstieg zu finden und wir uns einmal verklettern, was viel Zeit kostet. Wir müssen weiter nach rechts queren um in unsere Linie zu kommen und das ist über ein steiles, hart vereistes Schneefeld; mit Zustiegsschuhen und ohne jegliche Eisgeräte nicht gerade leicht. Doch irgendwie überwinden wir auch dieses

Hindernis und können nun endlich anfangen zu klettern.

 

 

Wir versuchen uns an der Hamedan Route, die bisher kaum Wiederholungen hat. Dabei sind die ersten fünf Seillängen sogar gebohrt. Dies gibt uns direkt die Motivation des Freikletterns! Nasim hatte sich in der Route schon einmal letztes Jahr versucht, konnte die schwerste Seillänge (3.), aber nicht rotpunkten. Wir sind voll motiviert uns die erste freie Begehung zu holen! Die erste Seillänge ist easy und wir sind schnell durch. Ich mache mich daran die zweite Seillänge vorzusteigen: 45m an Flakes extrem schöne Kletterei, aber sehr steil und so pumpt es mir die Arme schon nach der Hälfte extrem auf; aber ich will nicht fallen und kämpfe immer weiter! Ich schaffe es tatsächlich onsight bis zum nächsten Stand und muss dort vor Anstrengung fast kotzen. Auch Nasim geht es nicht anders und so starte ich dann weiter in die nächste Seillänge, die Schwierigste. Wieder heißt es fighten; aber diesmal erfolglos: In der Schlüsselstelle wirft es mich raus, Arme dicht, keine Chance! Wir klettern noch zwei Seillängen weiter und seilen dann ziemlich platt wieder ab.

 

 

Zwei Ruhetage und dann der nächste Versuch diese Seillängen zu befreien! Tatsächlich kann ich im ersten Versuch alles rotpunkten! Wir werten die Schwierigkeiten auf 7a+/7b, was in dieser Höhe schon ziemlich anspruchsvoll ist!

 

 

Wir entscheiden dann spontan die Route weiter zu klettern. Dabei haben wir  keine Informationen, da die Tour seit Ewigkeiten nicht mehr geklettert wurde und nur ein Foto von der ganzen Wand mit einer Linie zur Wegfindung existiert(aber wirklich viel kann man darauf nicht erkennen). Leider ist der Fels dann so steil und kompakt und ohne jegliche Struktur, dass wir z.T. technisch klettern müssen. Zum Teil gibt es Schlaghaken, zum Teil schlagen wir selber. Es ist anspruchsvoll und für mich das erste richtige technische Klettern. So sind wir langsam und es beginnt zu dämmern. Nasim klettert noch eine leichte Seillänge, mit der Hoffnung auf ein Band für die Nacht zu gelangen, aber leider nur schräge Platten! Also setze ich die Stirnlampe auf und klettere weiter: eine steile Rissverschneidung. Und tatsächlich, am Ende gelange ich auf ein kleines Podest. Allerdings voll mit Schnee und Eis, es kostet uns dann nochmal zwei Stunden dies alles wegzuhämmern, damit wir wenigstens dort sitzen können; aber immerhin macht das Hämmern warm!

 

Und je kürzer die Nacht, umso besser, denn wir sind extrem minimalistisch unterwegs und wissen, dass es kalt werden wird. Schlafsack haben wir keinen dabei, sondern nur Daunenensocken und einen Einmannbiwacksack, in den wir uns bis zur Hüfte gemeinsam quetschen. Zusätzlich ziehen wir eine Rettungsdecke über den Kopf um etwas windgeschützt zu sein, denn es pfeift hier ganz schön. Immerhin ist es so einigermaßen auszuhalten auch wenn an Schlafen nicht zu denken ist. Richtig ungemütlich wird’s dann erst in der Mitte der Nacht als die Rettungsdecke erst einmal und dann zweimal durchreißt! Jetzt heißt es frieren und zittern bis endlich die Sonne kommt. Die Zeit will nicht vergehen und es wird einfach nicht hell! Dann endlich kommt die Sonne, aber es dauert verdammt lange bis sie wärmt! Wir haben eh nur Schokoriegel dabei und so ist das Frühstück ziemlich schnell erledigt und los geht es mit Klettern.

 

Während Nasim aufgrund der Kälte technisch mit ihren Zustiegsschuhen klettert, versuche ich so viel wie möglich frei zu klettern. Das ist zwar deutlich schneller, aber am nächsten Stand sind meine Zehen und Finger erst einmal taub. Die Wegfindung ist nicht einfach und wir müssen im brüchigen Fels vorsichtig klettern. Wir sind beide so müde, dass wir an jedem Stand aufpassen müssen nicht beim Sichern einzuschlafen! Gegen Nachmittag erreichen wir den letzten Stand. Von hier aus geht es noch über lockeres Geröll bis auf den Grat, ohne Absicherung ist fallen hier absolut tabu. Wir sind dann echt glücklich als wir am Nachmittag auf dem Gipfel stehen! Wir haben es tatsächlich durch diese berüchtigte und nicht ganz ungefährliche Wand geschafft!

 

 

Der Abstiegsweg ist anspruchsvoll und im Dunkeln zu gefährlich. So wissen wir, dass wir schnell sein müssen, um vor Dunkelheit in der Nähe des Basislagers zu sein.

 

 

Das schaffen wir tatsächlich und sind nach ca. 3,5h Abstieg im Basislager! Platt und glücklich…aber so wirklich begriffen habe wir es noch nicht, dass wir tatsächlich unser Ziel erreicht haben!

 

 

Die 5 Wochen im Iran waren klettertechnisch eine erfolgreiche Expedition, aber auch menschlich eine bereichernde Erfahrung: Ich habe viele nette Leute kennen gelernt und viele neue Freunde gefunden. Die Iraner sind sehr gastfreundlich! Leider ist die Verständigung schwer, da nur Wenige Englisch sprechen. Am 21.8. verlies ich Teheran schweren Herzens um zurück zu fliegen! Dabei fuhren wir mit 2 Autos zum Flughafen, da so viele mich verabschieden wollten…très émouvant!

 

 

Die Expedition war uns möglich durch unsere Hauptsponsoren den Deutschen Alpenverein und Mammut. Zusätzlich haben uns noch unterstützt Scarpa, Deuter, Apamehr und der iranische Alpenverein, denen allen mein Dank gilt!