Offwidth – die gefürchteten Riesen, aber warum?


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Fünfte Seillänge: Offwidth – und womöglich in der Materialempfehlung 4er und 5er Cams, der Grund für Diskussionen. Und zwar: „Wer muss diese Länge vorsteigen?“ Denn schon das Wort Offwidth ruft sofort Gruselvorstellungen hervor: Kaum absicherbar, noch dazu eigentlich nicht kletterbar. Den einen großen Cam den man dabei hat, denn mehr will man aus gewichtsgründen nicht mitnehmen, über fast die ganze Länge mitschieben. Also auf der ganzen Seillänge nur einen Sicherungspunkt und das bei ganz komischer Kletterei. Sich irgendwie in den Riss quetschen und hocharbeiten, aber eigentlich weiß man nie wie den Riss festhalten, wie die Füße zum halten bringen und noch weniger wie oben ankommen. Aus lauter Verzweiflung dient der einzige Camalot dann irgendwann nicht nur noch als Sicherung, sondern auch als Fortbewegungsmittel. Dadurch eigentlich kein richtiges Klettern mehr, sondern nur der verzweifelte Versuch des Überwindens. Das sind Vorstellungen, die wahrscheinlich so manch europäischer Kletterer kennt. Und auch mir ging es lange so und ich war froh, wenn die Offwidth-Längen beim vorsteigen nicht mir zu fielen. Aber das war einmal! Ich habe mich von dieser Angst kuriert! Und zwar auf die harte Weise, in dem ich Offwidth geklettert bin.

Angefangen hat alles in Südfrankeich, nicht gerade die Region, die man mit Rissen und noch weniger mit Offwidth verbindet. Doch es gibt dort das kleine verschlafene Dörfchen Annot, dass von diesen gruseligen Linien überschattet wird. Vor Ort treffen wir Freunde an, die riesige Camalots am Gurt haben und versuchen einen Offwidth zu bändigen, was auch meine Neugier weckt. Also los, die überdimensionalen Klemmgeräte an den Gurt und dann alles was geht in diesen Riss stecken, der zu breit für meine Hände, aber zu schmal für meinen Körper ist. Quetschen, Zwängen und Schieben um irgendein Körperteil zu verklemmen und dann der Aha-Effekt: Es geht doch! Also gleich in den nächsten, längeren: Etwas gruseliger und ich muss meinen Mut zusammen nehmen, aber nach geduldiger Zentimeterarbeit, komme ich oben an. Also sind sie doch kletterbar und gar nicht so schlimm, die Angst ist genommen.

 

Dann geht es nach Indian Creek, wo es unzählige Routen dieser Kategorie gibt, um die die meisten Kletterer einen großen Bogen machen. Aber ich bin voller Motivation, denn „ich kann ja jetzt Offwidth klettern“, denke ich mir zumindest. Wie so alle Risse in Indian Creek, sind auch die fetten Riesen hier glatter und unausweichlicher als die, die ich aus Europa kenne. Egal, rein mit allem was geht: Knie, Oberschenkel, Schultern, Arme und vielleicht auch ein bisschen den Kopf verklemmen. Die Amerikaner belächeln mich, wenn ich beide Risswände nach außen wegpresse und versuche mich so hochzuarbeiten: “ European Style“, bekomme ich zu hören. Ständig verklemmt sich das Seil unter meinem Bein oder Fuss und dann komme ich nicht weiter, ätzend! Aber nach hartem Kämpfen komme ich doch oben an. Danach bin ich ganzkörper platt, übersäht mit blauen Flecken und mein Sicherer ist froh erlöst zu sein, nach stundenlangem Sichern. Trotzdem muss ich wieder und wieder einen Offwidth versuchen, warum? – Schwere Frage, suche ich den Schmerz? Nicht wirklich, aber es macht einfach Spass – zumindest, wenn man wieder unten ist, dann sind nämlich plötzlich alle Strapazen vergessen. Es bleibt immer ein Kampf, aber ich lerne immer mehr Tricks um die Zeit für meinen Sicherer zu verkürzen. So ist es tatsächlich einfacher die Cams mitzuschieben, denn beim drübersteigen, passiert es teilweise, dass man sie mit dem Fuss rauskickt. Anzuwendende Technik: jeweils mit einer 60cm Schlinge verlängern. Das erleichtert mir das Klettern, spart Kraft und schont vor allem meine Zähne. Diese habe ich vorher benutzt um das Seil hochzuhalten, während ich den Cam weiterschob. Nicht zu empfehlen!
Tja und dann Butterfly, double-fist oder eine Mischung aus beidem anwenden um sich nicht als Europäer zu enttarnen. Die Erkenntnis: Diese speziellen Techniken helfen tatsächlich, auch wenn ich es am Anfangen nicht glaubte! Die Offwidth bleiben anspruchsvoll und jeder ein Kampf für sich, aber mittlerweile mache ich keinen Bogen mehr drum, sondern gehe drauf zu und bei der nächsten Mehrseillänge übernehme ich den Lead der Offwidth-Längen. – Also warum diese Riesen so fürchten?

 

photos: Drew Smith