Armenian First Ascent Open Festival

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Los geht´s am 21.05.2011 am Frankfurter Flughafen in Richtung Yerevan…ganz alleine in ein fremdes Land, in dem ich die Sprache nicht verstehe und die Verständigung auf Englisch nur sehr begrenzt möglich ist. Auf ins Abenteuer!
Aber Armenien wo liegt das überhaupt? Auch ich wusste es bis zur Einladung zum Armenian First Ascent Open Festival nicht. Armenien grenzt im Osten an die Türkei und wird sonst noch eingeschlossen von Georgien, Aserbaidschan und dem Iran. Das Land ist klein und Amtssprache armenisch mit einer eigenen Schrift, die für uns nicht zu entziffern ist. Kulturell hat das Land extrem viel zu bieten und zwar sehr viele verschiedene alte Klöster und Kirchen, die eine große Ruhe ausstrahlen.

Armenien wird auch das Land der Steine genannt, so ist es eigentlich nicht sehr überraschend, dass man dort auch klettern kann. Nur gibt es dort kaum Kletterer…und vor allem noch keine starken Kletterer. So luden die dort Aktiven zum Armenian First Ascent Open Festival ein, um ihre Hausgebiete populärer zu machen und vor allem neue Touren zu bekommen.
Gemeinsam mit Nasim, einer iranischen Freundin, beschloss ich also mich der Herausforderung zu stellen und uns dort an unberührten Felsen zu versuchen.

Flüge gibt es von Deutschland keine direkt, also fliege ich über Wien und komme dann um 5Uhr morgens in Yerevan (auch Eriwan genannt), der Hauptstadt Armeniens an!
Nach nur zwei viel zu kurzen Stunden Schlaf geht’s dann nach einem Großeinkauf mit einem Kleinbus ins erste Klettergebiet: Hells Canon – ein großer Name aber nichts besonderes: Eine kleine weite Schlucht mit ein paar Sportkletterrouten. Zum Warmklettern vielleicht gar nicht so schlecht…und wir können gleich eine Erstbegehung machen. Außer uns sind noch Kletterer aus Russland und den USA da.
Dann geht’s weiter zum Bouldern: Es gibt schon große Blöcke, aber wirklich besonders ist es auch hier nicht…
Bei strömendem Regen bauen wir dann unser Camp ab und fahren weiter Richtung Noravanq. Eine enge Schlucht mit steilen und hohen Wänden an den Seiten. Das lässt unser Herz schneller schlagen und der Entschluss zum frühen Aufstehen am nächsten Morgen ist sofort gefasst! Eine schöne Risslinie haben wir uns schon ausgeschaut. Nur leider gibt es dann am nächsten Morgen Verständigungsprobleme mit den Armeniern und wir müssen ohne Bohrmaschine losziehen. Uns gelingt dann eine cleane Erstbegehung und noch die erste freie Begehung einer schon bestehenden Route, während sich unter uns die Straße mit Fernsehteams füllt.
Es ist schöne Riss- und Verschneidungskletterei und wir sind schon wirklich glücklich. Und das Beste ist, dass es hier noch so viel jungfräulichen Fels gibt!
Und am nächsten Tag können wir dann vier Seillängen erstbegehen und lassen uns auch nicht von dem Regen und riesigen lockeren Blöcken abschrecken. Während wir ersterem gut trotzen können, bringen mich die lockeren Blöcke doch kurz zum Nachdenken: Auf meinem Knie liegt ein 70cm langer und schwerer Schwertförmiger Felsblock, der komplett locker ist und unter mir steht Nasim genau in der Falllinie…also was tun? Was mache ich hier eigentlich, blitzt es mir kurz durch den Kopf, aber den Gedanken verdränge ich wieder schnell. Jetzt muss ich mich erst einmal darum kümmern, dass dieser Block nicht meine Sicherungspartnerin erschlägt! Also gut: Mit einer Bandschlinge am Fels festbinden. Jetzt hoffe ich noch, dass mein Seil ihn nicht entfesselt. Und dann heißt es einen Stand bauen, was viel Fantasie erfordert, da ich nicht mehr viel Material habe und die Bohrmaschine bei Nasim im Rucksack liegt. Schließlich bringe ich eine Schlinge über einem kleinem Zacken zum halten, verspanne sie mit einem Mikrokeil und setze noch einen wackeligen Cam dazu, aber zusammen hält es. Nasim kommt mit unserem extrem schweren Rucksack hinterher und wir bohren einen Stand…erst einmal sind wir safe. Und so geht’s immer weiter bis wir nach vier anstrengenden und trickreichen Seillängen oben aussteigen. Wahnsinn! Abends wird dann im Camp gemeinsam diskutiert und Topos gezeichnet. Wir einigen uns auf „Jo.Si.To Girls Power 6b“.
Am nächsten Tag besichtigen wir noch das Kloster am Talende: Sehr beeindruckend. Alles aus Stein gebaut und es wirkt dadurch sehr natürlich, schön!

Danach wechseln wir in die Arpa Gorge und hier empfangen uns die Felsstrukturen, die wir von den Fotos kennen. Über Kilometer reihen sich Felssäulen aneinander. Diese beeindruckenden Basaltsäulen stehen unter Naturschutz und so dürfen wir nicht hinein bohren, sondern erst am Ende der Säulen einen Umlenker setzen. Jetzt gehen wir also auf die Suche nach Rissen, die sich bis ganz nach oben ziehen, denn wir wollen nicht in der Mitte der Wand scheitern und unser Material hängen lassen. Gar nicht so einfach! Aber schließlich können wir in den zwei Tagen dort auch zwei neue Linien erstbegehen. Wahnsinnsrisse, das lässt mein Herz höher schlagen und es zeigt sich schnell, dass sich mein jahrelanges Trainieren in Heubach gelohnt hat…die Anderen sind beeindruckt wie ich mich die Risse hochklemme und zwischendrin auch noch ruhe… Wir finden alles hier: Vom schmalen Fingerriss, bis zum rutschigen Schulterriss, genial! Und zwischendrin perfekte Handrisse.
Nur führen die Flüsse dieses Jahr ziemlich viel Wasser und so wird die Flussquerung zum größten Abenteuer. Auf zwei Drahtseilen balancieren wir durch die Fluten. Nasse Schuhe und Hosen sind unvermeidbar.

Auch in der Garni Gorge, unserem nächsten Ziel beklettern wir wieder die beeindruckenden Säulen und können einige schöne Linien erstbegehen. Gleichzeitig schwimmt das uns begleitende Auto fast weg: Während wir klettern steigt der Fluss in der Schlucht immer weiter an, sodass der alte russische Jeep stecken bleibt und sich anfängt gefährlich zu neigen und voll Wasser zu laufen. Aber es gelingt das Auto zu retten, nur dass es jetzt extrem laute Motorgerräusche von sich gibt, erinnert eher an ein Flugzeug.

Und dann ist nach zwei Wochen das kleine Festival vorbei und die meisten anderen Teilnehmer reisen wieder ab. Wir nutzen einen Tag um Yerevan zu besichtigen und dann setzen wir unsere Fahrt in Richtung Norden Armeniens fort. Der Jeep läuft immer noch extrem laut und kurz vor dem Ziel verlieren wir den Auspuff. Dieser wird dann einfach aufs Dach geknotet und weiter geht die Fahrt. Autos fahren in Armenien auch ohne Auspuff.
Auch im Norden gibt es noch wirklich viel Felspotential, leider funktioniert unsere Bohrmaschine plötzlich nicht mehr und mobil absichern geht auch nur mäßig. So sind wir hier nicht ganz so erfolgreich.
In einer Maschrutka (Minibus) geht es dann zurück nach Yerevan und von dort mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Taxi nochmal nach Noravanq und Arpa, wo wir noch einige sehr schöne Risse und Verschneidungen erstbegehen.

Nach drei Wochen machen wir uns wieder auf den Heimweg, sehr glücklich und traurig das schöne Land zu verlassen. Armenien hat eine wunderschöne alte Kultur, mit sehr vielen beeindruckenden Klöstern und eine sehenswerte Natur. Es ist also durchaus eine Reise wert, sei es zum Wandern, Radfahren oder auch klettern. Uns haben Mikhitar und Ando (dortige Kletterer) sehr gut herumgeführt und wir hatten super viel Spaß. Sie leben beide vom Führen von Touristen. Wir reisen also sehr glücklich ab und hoffen bald wieder zu kommen. Immerhin haben wir zwölf neue Erstbegehungen getätigt, bis zu vier Seillängen lang und bis zu Schwierigkeiten von 7a. Alles haben wir im Vorstieg von unten erstbegangen und wir haben nur Umlenker gebohrt.
So wie jeder Abschied schwer ist, fällt es uns auch diesmal nicht leicht, aber wir hoffen uns bald wieder zu sehen…und freuen uns jetzt erstmal auf Sportklettern, einfach psychisch anspruchslos klettern!
Naja für mich geht’s aus dem warmen Armenien direkt weiter ins Eis von Chamonix…